Städtische Wildnis und romantische Gärten

Donnerstag, 28.11.2019,

Wanderführerin: Lisa Rikirsch,  11 km


Wir sind überrascht, dass sich, trotz nicht allzu rosiger Wetteraussichten, 16 Wanderer am Bahnhof in Schwabach einfinden. Mit der S-Bahn geht es nach Reichelsdorf, wo sich noch drei Wanderer zu uns gesellen. Unser Weg führt uns auf bisher unbekannten Pfaden durch den Reichelsdorfer Wald zur Schleuse Eibach. Wanderführerin Lisa erinnert daran, dass hier im Jahre 2013 sieben Kreuzottern, welche besonders geschützt sind, sinnlos erschlagen wurden, weil die Menschen eine Gefahr für ihre frei laufenden Hunde befürchteten, anstatt die Hunde anzuleinen und auf den Wegen zu bleiben.



Höhepunkt der Wanderung, im Sinne des Wortes, ist der Föhrenbuck mit seinen 368 Metern. Steil führt der Weg hinauf auf den ehemaligen Schuttberg, der zuletzt mit dem Aushub der Nürnberger Hafenbecken seine jetzige Höhe erlangt hat. Die Aussicht ist famos, dank des mittlerweile herrlichen Wetters. Sie könnte, gerade Richtung Altstadt, unübertroffen sein, wären da nicht die mittlerweile zwar blattlosen, aber trotzdem dicht stehenden Baumkronen im Weg. Ein abenteuerlicher, schmaler Steig führt uns hinunter zur Gartenkolonie Königshof.
Zur Anregung unserer Geschmacksknospen auf die bevorstehende Mittagseinkehr lassen wir uns hier bereitwillig auf die Verkostung von Helgas selbst angesetztem Walnusslikör ein.
Wir überqueren nur noch die Baustelle der Südwesttangente und gelangen entlang am alten Kanal und auf dem Taunusweg zum Culinarica, unserem Einkehrziel im Falkenheim. Schwer fällt es gar manchem, sich den Teller mit kleinen Portionen der asiatischen Köstlichkeiten am Büffet zu füllen, könnte es doch am Ende dazu kommen, dass „nix mehr neigeht“. Und schließlich gibt es ja auch noch leckere Nachspeisen. Schwer fällt der Aufbruch, da gar mancher die Leistungsfähigkeit seines Verdauungsapparates tatsächlich überschätzt hat.
Vor Beginn des zweiten Teils der Wanderung, welcher aus der Besichtigung der Gartenstadt besteht, weist Lisa noch darauf hin, dass gegen Ende des Krieges sich im Stadtteil Falkenheim gegenüber des Südfriedhofs ein Lager für Zwangsarbeiter der Firma Siemens befand. Vor uns liegen nun ca. drei Kilometer Strecke am alten Kanal entlang - aufgelockert mit einem kleinen Abstecher in die gleich nebenan liegende „städtische Wildnis“ - ein unberührtes Stück Natur direkt vor den Türen der Anwohner. Trockenen Fußes wandern wir für ein Gruppenfoto durch die verfüllte Schleuse 73.



Wo der alte Kanal endet und an die Gleise des Rangierbahnhofes angrenzt biegen wir in die Gartenstadt ein. Jetzt ist unsere Kulturwartin und Wanderführerin wieder in ihrem Element. Sie erklärt uns, dass diese Wohnanlage 1908 gegründet wurde und mit seinen ca. 880 Häusern heute unter Denkmal- und Ensembleschutz steht. Die hier lebenden Mieter genießen ein lebenslanges Wohnrecht, welches nach deren Ableben auf ihre Nachkommen übergeht.
Auf unserem Weg durch die Gärten der Siedlung kann sich unser Wanderfreund Achim vor lauter Begeisterung gar nicht mehr beruhigen. Der Grund ist, dass er in seiner gewohnt charmanten Art einen Anwohner vor seiner Haustür ganz unverfänglich anspricht. Es stellt sich heraus, dass just dessen Nachbar, der bis zu seinem Tod vor wenigen Jahren, 30 Jahre neben ihm gewohnt hatte, ein sehr guter Bekannter von unserem Achim gewesen ist. Achim wird seine Wanderführerin künftig auf Händen tragen. Das ist gut, klagt sie doch sowieso immer über Knieschmerzen.



Text und Bilder: Roland Rikirsch